Jean d'Ormesson Auszug aus: Die Legende vom ewigen Juden ÜBER MONATE UND Jahre verfolgte das Bild des Punktes, den Arjabhata in Nalanda gemalt hatte, Isaak Laquedem alias Hiuantsang oder Xuang zang alias der Meister des Gesetzes, der nunmehr Omar Ibn Battuta al Charesmi al Tartuschi geworden war. In Lumpen, neben denen sich das geflickte Gewand des Beherrschers der Gläubigen bei seinem Einzug in Jerusalem geradezu prächtig ausgenommen hätte, zog er durch die Wüsten, nur mit seinem Quersack behangen, in dem er geheimnisvolle Schriften und alte Manuskripte verwahrte. Schon bald galt er als sagenumwobene Gestalt in den Augen der Krieger, die aus der Wüste gekommen waren, um die Welt im Namen Allahs und seines Propheten zu erobern. Oft, wenn er eine der Geschichten zu Ende erzählt hatte, denen er seinen von Persien bis Andalusien reichenden Ruhm verdankte und die in den Märchen der Scheherazade oder in den Erzählungen vom Seezollamt nachklingen, nahm er seinen Wanderstab und bohrte ihn in den Wüstensand. Er betrachtete lange das Loch, das der Stab hinterlassen hatte, und ohne seinen Zuhörern Beachtung zu schenken, die sich um ihn drängten und seinen Erzählungen lauschten, wenn sie auch nicht immer alles verstanden, sprach er leise vor sich hin: "Von allen Geschichten, die ich je erzählt habe, ist dies die phantastischste." "Welche denn, Hadschi? Welche?" riefen die Kinder um ihn herum. "Diejenige von dem Loch im Sand, das ein Loch in der Welt ist. Die Geschichte von Arjabhatas Punkt. Aber noch ist der Augenblick nicht gekommen, sie zu erzählen." Seit der Offenbarung von Nalanda hatte er unablässig über Arjabhatas Geheimnis gegrübelt. Der Punkt war kein Zeichen wie die anderen. Die Zeichen, die der indische Weise Ziffern genannt hatte, waren dem Meister des Gesetzes sofort einsichtig gewesen. Und in seiner neuen Existenz verstand sie Omar wie jedermann auch ohne Mühe. Sie entsprachen den fünf Fingern der rechten Hand - oder der linken - und den vier ersten Fingern der anderen Hand. Sie zählten ein Pferd oder zwei. Oder zwei Kühe und ein Pferd. Oder zweimal zwei Kühe. Und immer so weiter bis dreimal drei Pferde, die jeder an fünf plus vier Fingern abzählen konnte oder auch an drei plus drei plus drei Fingern. Und während Omar an die Pferde und Kühe dachte, wiederholte er immer wieder die Bewegungen mit den Fingern beider Hände mit solchem Eifer, daß viele ihn für verrückt hielten. Jeder konnte auch in seiner Sprache die neun Ziffern mühelos benennen: eins, zwei, drei ... oder: one, two, three ... oder: un, deux, trois ... oder: uno, due, tre ... Die Schwierigkeiten begannen mit dem kleinen Finger. Die Zahl, die ihm entsprach, wurde nicht mit einer neuen Ziffer bezeichnet, sondern die erste Ziffer der Reihe wurde wiederholt und mit einem Punkt versehen. Das ebenso einfache wie schwer begreifliche Geheimnis, auf dem die Arithmetik und Mathematik und im weiteren auch alle exakten Wissenschaften und die Technik allgemein fußen sollten, bestand darin, daß dieser Punkt einen Nicht-Wert und eine leere Menge darstellte und daß er nur eine bestimmte Stelle in einer Zahl einzunehmen brauchte, um fehlende Einheiten dieses Stellenwertes anzuzeigen - oder in der Ausdrucksweise der Schnüre und der beiden Hände, dieser Reihe. "Ich kapiere überhaupt nichts mehr", sagte Marie. "Aber von sechsjährigen Kindern", sagte Simon, "verlangt man, daß sie das Geheimnis des Arjabhata und des Omar Ibn Battuta al Charesmi al Tartuschi verstehen oder doch zumindest so tun als ob. Sechsjährige müssen die ungeheure Anstrengung unternehmen - die größte, die ihnen in ihrem ganzen Leben abverlangt wird, ob sie nun später Staatsoberhaupt, genialer Physiker oder ein Tausendsassa in allen Künsten werden -, ein Alphabet zu erlernen, bei dem jedes Zeichen, im Unterschied zur chinesischen Schrift, keine abbildende Beziehung zu den Gegenständen der Wirklichkeit hat, die es in Kombination mit anderen gleichgearteten Zeichen benennen soll. Sie müssen sich auch bemühen, den Punkt des Arjabhata zu verstehen." "Kein Mensch hat mir je irgend etwas von Arjabhatas Punkt erzählt", beklagte sich Marie. "Wir haben ihn auch ein bißchen verändert", sagte Simon. Die Jahre vergingen. Omar Ibn Battuta al Charesmi al Tartuschi konnte das Geheimnis nicht mehr für sich behalten, weil es ihn erstickte und schier wahnsinnig machte. Während er durch die Welt zog und diese Leere im Kopf so schwer auf ihm lastete, sah er in seinen Alpträumen den Punkt des Inders als eine geballte, nichtexistierende und doch weltenerzeugende Kugel, aus der das Universum hervorging. Mehr als einmal war er versucht, sich dieser Bürde zu entledigen. Eines Abends bei Sonnenuntergang hatte er schon den Punkt in den Sand gezeichnet und wollte gerade mit seiner Erzählung über ihn beginnen, da erhob sich der Abendwind und verwehte den Punkt, den der Stab hinterlassen hatte. Darin sah er einen Wink, daß es noch zu früh sei, jenes Geheimnis weiterzugeben, das der Hebel sein würde, um die Welt aus den Angeln zu heben. Schließlich, es war in den Wüsten Arabiens oder in Persien, das sich seit dem Sieg von Al-Kadisija zum Islam bekannte, begegnete er Al Biruni. Es war in einem jener Lager, die der Krieg oder der Handel erforderlich machte, und in einer jener Nächte, die später ein Sadi, ein Hafis oder ein Omar Chaijam verherrlichen wird. Die beiden Männer setzten sich nebeneinander, tauschten eine Handvoll Datteln gegen etwas Kamelmilch und erkundigten sich dann nach ihren Reisen und was sie in der Welt trieben. "Ich wandere", sagte Omar. "Wenn ich kein Papier habe", sagte Al Biruni, "zeichne ich Figuren in den Staub oder Sand und berechne ihre Beziehungen." "Ah, wie die Griechen?" sagte Omar. Al Biruni wäre beinahe auf den Rücken gefallen. Dieser Vagabund setzte ihn in Erstaunen. Er wußte Dinge, die den weisesten Männern unbekannt waren. Ja, wie die Griechen. Al Biruni hatte sich ausgiebig mit den Griechen beschäftigt. Ihm verdanken wir die verlorengegangenen Schriften des Archimedes über das konstante Verhältnis des Kreisumfangs zum Durchmesser und den Wert der berühmten Zahl, die bereits die alten Hebräer und Babylonier kannten: 3,14159. Er war auch fast überall in der Welt herumgekommen und hatte eine Geschichte Indiens und eine Chronik der alten Völker geschrieben. Al Biruni und Omar Ibn Battuta sprachen über den Buddhismus und den Islam, über den Indus und den Ganges, über Bamian und Baktrien. Vor allem aber sprachen sie über das Maß der Zahlen und die Griechen. "Auf der einen Seite sind die Juden", sagte Simon "und auf der anderen die Griechen. Sicher, es gibt auch die Franzosen, Engländer, Slawen, Italiener, Spanier und Schweizer. Auch die Amerikaner, die auf dem Mond gelandet sind." "Sie sind dabeigewesen!" rief Marie. "Nein, das natürlich nicht", sagte Simon. "Ich wandere nur auf der Erde. Und auf der gibt es Afrikaner und Japaner und Inder und Chinesen. Auch unter ihnen sind Männer und Frauen, denen Außerordentliches gelungen ist. Aber an erster Stelle stehen die Juden und die Griechen. Mit den Griechen und den Juden könntet ihr eine ganze Welt neu erschaffen, ohne jemand anderes Hilfe zu bemühen. Die einen neigen den Griechen zu, dem Apollon von Delphi und dem Erechtheion; die anderen teilen den Hang der Juden zu Talmud und Kabbala und jeder Art spekulativen Denkens. Griechen und Juden zusammengenommen sind stärker als alle anderen." Unter dem Namen Omar Ibn Battuta al Charesmi al Tartuschi unterhielt sich Isaak Laquedem mit Al Biruni über die Griechen. Sie sprachen über Pythagoras, Archimedes und Euklid, die alle Genie besessen hatten. Sie sprachen über die Eigenschaften des Dreiecks und des Kreises, sie sprachen über Parmenides, Heraklit und den göttlichen Platon, sie sprachen über Aristoteles, den Meister der Wissenschaften, und sie erhoben sich bis zu den Sphären des Himmels, die wie alle Dinge nach Zahl und Maß geordnet sind. Während sie eine Welt in Gedanken erstehen ließen, deren Geheimnisse sich den Menschen in der Gestalt der Zahl offenbarten, ergriff Al Biruni fieberhafte Begeisterung. Er erklärte Omar Dinge, die weder der Meister des Gesetzes noch Demetrios und späterhin auch der gelehrte Ragnar jemals verstanden, ja an die sie genauer gesagt nie gedacht hatten: daß die Erde eine Kugel sei, daß anhand von Sonne und Sternen Entfernungen und Winkel berechnet werden könnten, daß die Reihe der Zahlen unendlich sei, daß Gesetze, die ebenso streng und unwandelbar wie alle göttlichen Gesetze seien, die Ordnung des Universums verbürgten. Omar lauschte entzückt. Heiterkeit zog in seinem Gemüt auf. Endlich war er dem Mann begegnet, dem er das Geheimnis von Arjabhatas Punkt mitteilen durfte. Nun begann Omar seinem neuen Freund alles zu erzählen, was ihm der indische Weise in Nalanda anvertraut hatte, besonders aber sprach er von den neun Ziffern und dem Punkt, der die Abwesenheit, das Nichts und die Leere ausdrückte und zugleich dazu diente, von der Stelle der Einer zur Stelle der Zehner, von den Zehnern zu den Hundertern, von den Hundertern zu den Tausendern, zu den Zehntausendern, Hunderttausendern usw. überzugehen. Al Biruni lauschte so angestrengt, daß sich kein Muskel seines Gesichts, ja seines ganzen Körpers bewegte. Er schien wie vom Donner gerührt. Im Dunkel der Nacht, in die schon der erste Schimmer des Morgens drang, hatte Omar Ibn Battuta mehrmals den Eindruck, als sei sein Gegenüber bereits eingeschlafen. "He! Guter Freund! " sagte er, indem er sich vorbeugte und ihn an der Schulter faßte. "Sprich nur weiter", ermunterte ihn Al Biruni. Die Sonne ging gerade auf, als Omar im Stehen mit seinem Stab Arjabhatas Punkt in den Sand zeichnete. Al Biruni betrachtete lange wie im Traum den leichten Kratzer auf der Oberfläche der Erde. Eine halbe Stunde verging. Vielleicht war es auch eine ganze Stunde. Vielleicht noch länger. Gebannt schweigend wagte Omar Ibn Battuta sich nicht zu rühren aus Furcht, das tiefe Nachdenken seines Gefährten zu stören, der allem Irdischen entrückt schien. Eine leichte Brise erhob sich und begann Arjabhatas Punkt zu verwischen. Da stand auch Al Biruni auf. Er nahm den Stab aus Omar Ibn Battutas Hand und zog mit Schwung einen Kreis in den Wüstensand: "So", verkündete er, "das ist die einzige angemessene Figur für die Vollkommenheit und das Nichts. Der Punkt steht am Anfang und am Ende der Dinge. Das ist nicht das, was wir brauchen. Der Kreis, der sowohl trennt als auch zusammenfaßt, ist das Symbol der Macht und der Abwesenheit. Den neun Ziffern beigesellt, bezeichnet er zugleich die Multiplikation und die Leere. Und diese Figur des Nichts, aus dem alle Zahlen hervorgehen, wollen wir die Null nennen." Jean d'Ormesson Auszug aus: Die Legende vom ewigen Juden