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Global Tree: Das weltweite Baumnetzwerk > Konzept

"So wird letzten Endes, wenn man utopisch
(besser gesagt überhaupt) denkt,
die ganze Welt zur Akademie."
Joseph Beuys

Global Tree stellt ein Experiment dar, nicht um fertige Aussagen zu aktuellen Zeit- und Streitfragen zu präsentieren, sondern einen Bewusstseinsprozess in Gang zu setzen (soziale, kulturelle und wirtschaftliche Interaktion spielen dabei eine zentrale Rolle), der verschiedene Bereiche aktueller Lebenswirklichkeit einbezieht und dabei die Natur als universale Basis für Entwicklung überhaupt vergegenwärtigt. Hierfür scheint das "Urbild" des Baumes besonders geeignet, da seine Universalität nicht nur von seiner nationen- und epochenübergreifenden Gültigkeit herrührt, sondern auch von der Eigenschaft, dass er den Organismus-Gedanken von allen "Urbildern" am "sinnfälligsten" veranschaulichen kann. So werden die Organisationsprinzipien des Baums immer wieder zur Darstellung von Modellen z.B. in der Mathematik und Informatik, in den Sprach- und Wirtschaftswissenschaften aber auch in Anthropologie und Zoologie verwendet:

Das Fraktal z.B. des Feigenbaum-Szenarios weist bifurkale Verzweigungsstrukturen auf, die denen des Baumes ähneln.

Die Verzeichnisstruktur des Betriebssystems eines Computers weist Baumstrukturen auf.

In der Syntax werden Satzstrukturen durch Baumdiagramme wiedergegeben.

Organisationsprinzipien von Wirtschaftszusammenhängen und Unternehmensstrukturen werden mit Baumdiagrammen modellhaft dargestellt.

Stammbäume bilden familiengeschichtliche Entwicklungen ab.

Phylogenetische Stammbäume vergegenwärtigen die Entwicklung aller Lebewesen dieser Erde.

In diesem Sinne wird mit Global Tree der die Weltenachse (axis mundi) symbolisierende Baum, der Ende der 60er Jahre durch Robert Smithsons Installation "Dead Tree" (Ein abgestorbener, auf dem Boden liegender Baum samt Wurzeln und Krone, kombiniert mit einzelnen Spiegeln, visualisiert die Dialektik von Zivilisation und Natur.) in gewisser Weise entmythologisiert wurde, symbolisch wieder "eingepflanzt", indem nicht allein das Bewusstsein von seiner Symbolkraft revitalisiert, sondern der Baum selbst als universaler Integrationsfaktor kultureller Entwicklung (im Hinblick auf die oben erwähnten Organisationsprinzipien) erfahrbar wird.

Der enorme Aufschwung der Neuen Medien (vor allem des Internets) und virtueller Realitäten im Cyberspace scheint die Natur als realen Lebensraum in zunehmendem Maße zu verdrängen und der unmittelbaren Erfahrung zu entziehen. Diese Entwicklung gipfelt in der z.B. vom Robot-Experten Hans Moravec vertretenen Position, dass der Mensch und somit auch die Natur nur als Übergangsstufe auf dem Weg zum Roboter zu sehen sind. Ben-Alexander Bohnke propagiert, unter anderem auch auf Moravec Bezug nehmend, den Abschied von der Natur als Chance für die Menschheit. Für ihn ist die Natur ein Auslaufmodell und die Zukunft des Lebens die Technik. Von dieser Position einer hypertrophierten Technikarroganz der totalen Machbarkeit grenzt sich Global Tree entschieden ab, ohne in ein romantisch verklärtes "Zurück zur Natur" zu verfallen.

Darüber hinaus scheint sich der "künstliche Raum" (d.h. urbaner Raum, Internet, Cyberspace, etc.) im Zuge fortschreitender Medialisierung gesellschaftlicher Lebenswirklichkeit in zunehmendem Maße auch des künstlerischen Ausdruckswillens vor allem im Hinblick auf seine Formensprache zu "bemächtigen". Wenn "Natürliches" überhaupt thematisiert wird, dann überwiegend isoliert von seiner ursprünglichen Umgebung, z.B. Olaf Nicolais' "Interieur/Landschaft/Ein Kabinett" (Ein Kabinett, tapeziert mit Blumenmustertapete und dekoriert mit stilisierten Landschaftsbildern, dient als Kulisse für die Inszenierung der Natur: auf Lavasteinen arrangierte Pflanzen, erscheinen als isolierte Landschaftsmodule.) Diesem "Hang zur Isolation", auch wenn er "aufklärerisch" intendiert ist, will Global Tree entgegenwirken, indem die einzelnen Natur-Kunst-Objekte (d.h. Outdoor-Installationen: jeweils eine "Display-Implantation" in den lebenden Organismus "Baum", ein Kioskterminal, eine Live-Kamera, etc. und schließlich die weltweite Vernetzung der einzelnen Installationen;) sowohl in ihrer "natürlichen" Umgebung verbleiben als auch in ein interaktives Gesamtprojekt integriert werden.

Im "Kunst-Kontext" versteht sich Global Tree in etwa analog zur Komplementarität von Pop Art und Land Art, Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre, als Gegenposition zu einer "Inszenierung der Künstlichkeit". (Die Künstler der Land Art befassten sich in ihren Arbeiten mit dem natürlichen Lebensraum im Sinne einer von Menschenhand möglichst unberührten Naturlandschaft. Sie verstanden Ihre Werke als Protest gegen die Künstlichkeit der modernen Großstadtwelt.) Global Tree will nun aber nicht, wie vielleicht anzunehmen wäre, (etwa im Gegenzug zum Cyberspace) bloß "Natürlichkeit inszenieren", sondern mit provokativen "Display-Implantaten"> einen multidisziplinären Diskurs über Integrationsmöglichkeiten von Natur und Technik anregen.

An das, was Joseph Beuys bereits 1968 mit seinem "Erdtelefon" (Auf einem Holzbrett befinden sich ein Telefonapparat mit Anschlusskabel und Dose und ein etwa gleich großer Lehmklumpen mit Gras.) reklamierte, nämlich die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Natur und Technik, Mensch und Umwelt, soll mit Global Tree als kommunikativem Natur-Kunst-Projekt angeknüpft werden. Die Outdoor-Installationen, sollen diesen Dialog mit zeitgemäßen Mitteln provozieren. Die technischen Mindestanforderungen für die Umsetzung zielen dabei auf eine Koexistenz von Natur und Technik. Darüber hinaus stellt das "Wie" der technischen Umsetzung Möglichkeiten einer Kooperation oder Integration von Natur und Technik zur Diskussion. Die Ergebnisse dieser Diskussion werden dann die Richtung der weiteren Entwicklung von Global Tree bestimmen. Denkbar wäre z.B. die Installation von Ökosystemforschungsstationen. Die Forschung darf allerdings den "ästhetischen Dialog" zwischen Betrachter und Kunst-Objekt nicht beeinträchtigen und sollte interdisziplinären Fragestellungen verpflichtet sein.

Global Tree erfordert demnach wetterfeste Computertechnologie, die ökologischen Anforderungen Rechnung trägt. Das beginnt beim Computergehäuse (z.B. Gehäuse aus einem Hanf-Polypropylen-Gemisch) und endet bei der Stromerzeugung (z.B. Photovoltaik als Prototyp eines dezentralisierten Energieversorgungskonzepts). Weitere wichtige Faktoren sind die möglichst schonende Installation des gesamten Equipments im und um den Baum (d.h. z.B. auch, dass Erdarbeiten im Wurzelbereich des Baumes möglichst vermieden werden müssen) und die Vermeidung von Bodenverdichtungen im Wurzelbereich des Baumes nach Fertigstellung der Installation (ggf. durch Errichtung eines Besucherpodestes). Werden Einwände von Naturschützern dem Argument des Erkenntnis-Mehrwerts gegenübergestellt, kann es geradezu als Herausforderung erscheinen, Natur und Technik auf "Tuchfühlung" zu bringen, ohne dabei die Natur zu schädigen. - Es kann sein, dass die derzeitigen Konstruktionsvorschläge für die Umsetzung der Installation schon bald archaisch anmuten, wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Entwicklung der Computer- und Gentechnologie voranschreitet.

Auch religiöse Aspekte spielen eine entscheidende Rolle für die Gesamtkonzeption von Global Tree. Die auf den Assoziationsraum des Baumheiligtums und der Naturreligiosität anspielenden Einzelinstallationen (genauer "Display-Implantationen"), dienen nicht der Anbetung eines wie auch immer gearteten Transzendenten, sondern der Vergegenwärtigung des Baumes als Träger seines Abbilds. Das Moment einer "naiven Sehnsucht" nach Transzendenz soll hierdurch gestört werden, nämlich indem diese Sehnsucht auf das Medium selbst, das traditionell der Anbetung des Transzendenten dient, zurückgelenkt wird. Das Medium ist jetzt Objekt der Betrachtung und nicht Mittel zum Zweck transzendenter Orientierung, deren "diesseitsbezogenes Analogon" z.B. in einer bestimmten Form von Naturwissenschafts- und Technikgläubigkeit gesehen werden könnte.

Die Zielsetzung von Global Tree steht schließlich im Spannungsfeld einer system- und konzeptbedingten Ambivalenz: Eigentlich soll das Projekt zur Beseitigung sozialer und kultureller Barrieren beitragen und als Ausgangspunkt eines multidisziplinären Diskurses dienen. Auf der anderen Seite muss zum Schutz der einzelnen Installationen vor Vandalismus ein umfangreiches Sicherheitssystem von Überwachungskameras, Sicherheitspersonal und vandalensicheren Materialien bereitgestellt werden. Diese "Aufrüstung" erzeugt wiederum mögliche Barrieren, die einer unbefangenen Beschäftigung mit Global Tree und seinen impliziten Fragestellungen eigentlich zuwiderläuft. Doch diese "systemimmanente" Ambivalenz kann durchaus als integraler Bestandteil des kritischen Diskurses, der durch Global Tree angestoßen werden soll, gesehen werden. So konfrontiert sie den Betrachter mit der Problematik einer sich ausbreitenden Überwachung des öffentlichen urbanen Raums, die sich jetzt durch die Outdoor-Installationen auch des in dieser Hinsicht bisher noch "unberührten" natürlichen bzw. naturnahen Raums zumindest punktuell "bemächtigt". Die einzelnen "Outdoor-Installationen" von Global Tree bilden sozusagen "Urbanitätsmodule" im "Naturraum".

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